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Stellungnahme zur Zukunft des Europäischen Jugendprogramms

Pressemitteilung vom 19. Nov 2010, tim

als Beitrag zur öffentlichen Konsultation der EU-Kommission über JUGEND IN AKTION

Kiel, November 2010

Forderungen:
Der Landesjugendring Schleswig-Holstein fordert die Entwicklung eines neuen EU-Jugendprogramms, das nach 2013 an die Erfolge und die gute Umsetzung des aktuellen Programms JUGEND IN AKTION anknüpft. Dieses Nachfolgeprogramm soll weiterhin den gut eingeführten und positiv besetzten Namen JUGEND IN AKTION tragen. Es muss eigenständig sein und ein Förderinstrument für die nicht-formale Jugendbildung bleiben. Um die Erfolge von JUGEND IN AKTION 2007-2013 auszubauen, muss das neue Programm finanziell stärker ausgestattet sein als das bisherige. Ablehnungsquoten von bis zu 50% durch die die deutsche Nationalagentur wegen fehlender Mittel sind kontraproduktiv für die Begeisterung junger Menschen für das Programm und beschädigen das Ansehen der Europäischen Union. Eine notwendige finanzielle Mehrausstattung für JUGEND IN AKTION  ist in der letzten EU-Erweiterungsrunde nicht erfolgt. JUGEND IN AKTION hat ein Finanzvolumen von 885 Millionen €, dieser Betrag reicht nicht aus, weil gute Projekte müssen wegen fehlender Gelder abgelehnt werden müssen. Für das kommende Jugendprogramm muss mindestens ein Betrag von 985 Millionen € zur Verfügung stehen.

Hintergründe:
Am 15. September hat die Europäische Kommission eine öffentliche Konsultation zur neuen Generation der europäischen Förderprogramme gestartet, darunter auch zur Zukunft des  bisherigen Jugendprogramms JUGEND IN AKTION. Die Konsultation geschieht durch einen Fragebogen im Internet, in dem einzelne Personen oder auch Institutionen durch Ankreuzen ihre Einschätzungen zu JUGEND IN AKTION abgeben können. Auch sollen die Erwartungen an das zukünftige Programm in einem Ankreuzraster bewertet werden. Der Fragebogen lässt weiterhin Raum für kurze schriftliche Ausführungen. Es besteht zudem die Möglichkeit, längere Stellungnahmen per Email an die Europäische Kommission zu senden. Anfangs nur auf Englisch zugänglich, ist der Fragebogen seit dem 23. September in jeder europäischen Sprache aus füllbar. Auch wenn zur praktischen Auswertung der Beiträge in den „kleinen“ EU-Sprachen keine Informationen zu finden sind, ist zu hoffen, dass auch Beiträge auf Estnisch oder Slowenisch genauso gewichtet werden, wie englisch- oder französischsprachige Beiträge. Die Tatsache, dass überhaupt in jeder EU-Sprache geantwortet werden kann, ist eine erfreuliche Entwicklung im Vergleich zur öffentlichen Konsultation zur „EU Strategie für die Ostseeregion“, in der nur ein englischsprachiger Fragebogen im Internet zur Verfügung stand. Zudem war auf die EU Ostseestrategie nur auf Englisch hingewiesen worden, die Kommunikation zur Ostseestrategie verläuft leider weiterhin ausschließlich in dieser Sprache.

JUGEND IN AKTION fördert das nichtformale Lernen und die Mobilität junger Menschen innerhalb und außerhalb der Europäischen Union. In seinen unterschiedlichen Aktionen werden unter anderem der Europäische Freiwilligendienst, nationale und transnationale Jugendinitiativen, internationale Jugendbegegnungen, Fachkräfteaustausche und Projekte zum Strukturierten Dialog unterstützt und umgesetzt. Die Verwaltung geschieht für einige Aktionen zentral durch eine Agentur in Brüssel, der größere Teil liegt in der Verwaltung der jeweiligen Nationalagenturen in den einzelnen Ländern, in Deutschland ist dies „Jugend für Europa“ in Bonn. JUGEND IN AKTION ist das Nachfolgeprogramm des Programms JUGEND (FÜR EUROPA), dessen Laufzeit 2000-2006 war. JUGEND IN AKTION begann im Anschluss daran in 2007. Ebenso wie auch alle anderen europäischen Förderprogramme läuft es 2013 aus, das erklärt die Notwendigkeit der Entwicklung einer neuen EU- Programmgeneration überhaupt. Diese grundsätzliche Neuentwicklung meint aber eine Gefährdung für die Eigenständigkeit des Jugendprogramms. Es könnte aus vermeintlichen Einspar- oder Kooperationspotentialen mit anderen Förderprogrammen zusammengelegt werden und kann dabei nur verlieren.

Der Landesjugendring Schleswig-Holstein stellt regelmäßig Anträge bei JUGEND IN AKTION, so wurde unsere Ostseejugendkonferenz bereits über das Programm gefördert. Viele der Mitgliedsorganisationen des Landesjugendrings sind ebenfalls Antragsteller. Unsere Einschätzungen und Beurteilungen ergeben sich daher direkt aus der Wirkung und Umsetzung von durch JUGEND IN AKTION geförderten Projekten.

Innerhalb der EU-Kommission gibt es das Interesse, die unterschiedlichen Programme für junge Menschen zusammenzulegen. Zwar gibt es vordergründige Überschneidungen in der Zielgruppe, von den Inhalten her aber weisen die Programme so grundsätzliche Unterschiede auf, dass es sich aus unserer Sicht verbietet, sie in einer gemeinsamen Programmlinie verbinden zu wollen:

ERASMUS/MUNDUS richtet sich als das finanzstärkste Programm an Studierende und fördert ihren Austausch. Es ist gleichzeitig das wohl bekannteste EU-Programm überhaupt; LEONARDO fördert den beruflichen Austausch junger Menschen; das Jugendprogramm JUGEND IN AKTION ist im Vergleich zu ERASMUS und LEONARDO einzigartig, weil es explizit nicht-formale Jugendbildung unterstützt. Nur in ihm sind Jugendliche selbstbestimmt für Bildungsprozesse verantwortlich. Der Gegensatz zwischen dem Programm ERASMUS, mit dem junge, bildungsaffine Menschen für ein oder zwei Studiensemester an eine ausländische Hochschule gehen können und dem Programm JUGEND IN AKTION, mit dem eine internationale Jugendbegegnung von Jugendlichen aus einem Jugendverband gefördert wird, kann größer nicht sein. Allein schon deswegen spricht sich der Landesjugendring Schleswig- Holstein gegen eine Zusammenlegung dieser Programme aus. Jugendverbände sind Beispiele für gelebte, erlernte und erfahrbare Demokratie. In ihnen wird Jugendpartizipation umgesetzt, sie sind der Pfeiler gesellschaftlichen Engagements und gesellschaftlicher Teilhabe. Sie ermöglichen jungen Menschen die Einwirkung auf politische Prozesse. Jugendpartizipation steht zu recht an vorderster Stelle in den Förderkriterien von JUGEND IN AKTION. In allen Projekten, die der Landesjugendring und seine Mitglieds- und Anschlussverbände durch Förderung von JUGEND IN AKTION realisieren, wird nichtformale Bildung idealtypisch umgesetzt. Junge Menschen verantworten ihre Bildungsprozesse selbst von der Konzeption über Planung und Durchführung bis zur Projektdokumentation. Formale Bildung mit ihren Formaten Schule, Hochschule, Berufsausbildung und außerbetriebliche Ausbildung entbehrt dieser demokratischen Qualität. Formale Bildungsprozesse sind eben keine selbstbestimmte Vorgänge. Schon gar nicht haben Jugendliche an den Entscheidungsprozessen im formalen Bildungssektor gleichberechtigten Anteil.

Durch JUGEND IN AKTION ist es gelungen, den Wert nicht-formaler Bildung in Europa zu verankern. Das Programm ist weit bekannt und anerkannt, in einer Zusammenlegung mit anderen Programmen läuft es Gefahr, in seiner Bedeutung als Schule der Demokratie und seiner Bedeutung für die Werthebung nicht-formaler Bildungsprozesse unterzugehen. Der Landesjugendring Schleswig-Holstein hat in der Zusammenarbeit mit seinen Partnern aus den Ostseeanrainerstaaten in vielerlei Projekten erfahren, wie hoch die Bedeutung nicht-formalen Lernens gerade für die neuen EU-Mitglieder Mittel- und Osteuropas ist. Traditionell wird Bildung in Estland, Lettland, Litauen und Polen ein hoher Wert beigemessen, Bildungsprozesse aber in später Nachwirkung kommunistischer Ideologie als reine Vermittlung formalen Faktenwissens angesehen. Das traditionelle Bild von frontalem Unterricht durch LehrerInnen, bzw. die Leitungszentrierung in der Jugendarbeit aufzubrechen, ist wichtig für die Veränderung gesellschaftlicher Mentalitäten auf dem Weg zu einer pluralistischen Demokratie. JUGEND IN AKTION hat hier bei Bildungs- und Jugendbehörden und in der Jugendarbeit in Mittel- und Osteuropa unschätzbare Dienste geleistet. Diese Verdeutlichung des Werts nicht-formaler Bildung kann bei einem anderen Programmzuschnitt nicht mehr stattfinden.

Die bekannteste Aktion des Programms JUGEND IN AKTION ist die Förderung des Europäischen Freiwilligendiensts (EFD). Hier hat die EU schon mit dem Vorläuferprogramm JUGEND Maßstäbe für die Verwirklichung eines gesamteuropäischen, gemeinsamen Projekts entwickelt und konsequent in JUGEND IN AKTION weiter ausgebaut. Der EFD ist eine Erfolgsgeschichte, die darauf fußt, dass das Prinzip der Wechselseitigkeit in allen Bereichen gilt: Freiwillige können aus allen EU-Ländern (und auch aus anderen Partnerländern) in alle EU Länder (und auch Partnerländer) entsandt und aufgenommen werden. Der EFD ist keine Einbahnstraße, auf der junge Menschen nur aus einem Land in eine Auslandsrichtung gehen, statt dessen erzeugt er durch die Entsendung und Aufnahme von Freiwilligen aus allen Ländern in alle Länder einen ungeheuren Mehrwert an europäischem Bewusstsein. Ein EFD von 12 Monaten in einer Aufnahmeorganisation meint dabei für den/die Freiwillige ein viel tieferes biographisches Erlebnis als ein Auslandsstudienaufenthalt im Programm ERASMUS. Der/die EFD-Freiwillige erlebt das Aufnahmeland in einer komplett neuen Umwelt, erlebt eine neue Arbeitswirklichkeit, gänzlich neue Sozialgefüge und Beziehungssysteme, die Erfahrungen gehen über die Aufnahmeorganisation weit hinaus. Hand, Herz und Verstand sind gefordert, das meint gute Voraussetzungen für gelingende, nicht-formale, selbstbestimmte Bildungsprozesse. Freiräume im Freiwilligendienst sind dabei besonders wichtig zur Selbsterprobung und -wahrnehmung. Diese Prozesse dürfen nicht unter dem Primat der möglichst guten Verwertbarkeit für den Berufslebensweg stehen. Es muss die Möglichkeit geben, sich in Zeiten der Jugend, gerade während eines Freiwilligendiensts, neben der erwarteten Berufsperspektive auszuprobieren, ohne dass jedem jugendlichen Projekt der Unternehmergeist entspringen muss. Der Landesjugendring kritisiert die Engführung, die mit den Begriffen „Entrepreneurship “ und „Employability“ durch die EU-Kommission in die Beratung hineinkommt. Es muss dem neuen Jugendprogramm um viel mehr als um eine unternehmerische Identität und eine Anstellungsfähigkeit gehen. Stattdessen muss der Fokus auf der Bildung junger Menschen durch eigene Verantwortung und eigene Erfahrungen liegen. Es geht nicht um eine Verurteilung zu „lebenslangem“ Lernen, sondern es muss um die Eröffnung von Chancen für eigenverantwortetes, freiwilliges Erleben und Erlernen gehen. Das Engagement europäischer Bürgerinnen und Bürger jeden Alters muss Anerkennung erfahren, nicht die Bewertung freiwilligen Handelns durch den Arbeitsmarkt.

JUGEND IN AKTION ermöglicht dem Landesjugendring Schleswig-Holstein und seinen Mitglieds- und Anschlussverbänden junge Menschen für Europa zu begeistern. Wir treten dafür ein, dass ein eigenständiges, finanziell gesichertes europäisches Jugendprogramm ab 2014 an die Erfolge anknüpfen kann. Nur ein eigenständiges Jugendprogramm wird die Herausbildung einer europäischen Identität der jungen Generation unterstützen.

Jens-Peter Jensen
Geschäftsführer Landesjugendring
Schleswig-Holstein


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