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Rede des Landesjugendringvorsitzenden Thies Grothe

Pressemitteilung vom 16. Mai 2006, Thies Grothe


zur Begrüßung zum 1. Jugendtourismustag Schleswig-Holsteins am 12. Mai 2006 in Scharbeutz

Sehr geehrte Frau Landtagsvizepräsidentin,
meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordneten,
meine sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

wenn in Jugendverbänden und unter Jugendlichen über Jugendtourismus, Freizeitfahrten und Jugendlager oder, wie es früher hieß, Zeltlager gesprochen wird, denken sie in erster Linie an das Gemeinschaftserlebnis in Jugendgruppen oder Schulklassen. Sie beschreiben witzige Begebenheiten in der Gruppe mit Lehrern, Jugendleitern und anderen Betreuern. Einige erinnern sich an nette Kontakte, kleinere oder größere Liebschaften, ans Essen, wie man in der Gruppe zu Recht gekommen ist und welche Konflikte und Probleme man durchgestanden hat.

Kurzum, solche Ersterfahrungen im Umgang mit einer Gruppe in neuer Umgebung wirken nach und sind wichtig für das soziale Erleben in Kindheit und Jugend. – Sie sind Bausteine für den Erwerb sozialer Kompetenz.

Diese Erfahrungen allen Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, treibt die Jugendverbände an, sich für den Erhalt von Jugendfreizeit- und Jugendbildungsaktivitäten einzusetzen. „Nicht die harte Arbeit an Bord, sondern die Sehnsucht nach fernen Ländern treibt letztlich den Seemann an die Arbeit.“ Ein Motiv, das in der Literatur wie im Volksmund gleichermaßen zu finden ist. Auch das Reisen lebt von der Sehnsucht nach Ferne, Entdeckung und sich selbst finden.

Diese Idee dürfen wir niemals vergessen, auch wenn das Tourismusgeschäft, sogar das im Jugendtourismus, ein knallhartes Geschäft ist. Es ist ein Geschäftsfeld in dem es um Marktanteile oder sogar um die Existenz von Einrichtungen, Häusern und Trägern von Angeboten geht.

Reinhard Schimnick, Geschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerks, Landesverband Nordmark, hat in seinem Vortrag zu unserer Vollversammlungam vergangenen Sonnabend eindrucksvoll dargelegt, dass wir in Schleswig-Holstein bis Ende der 80er Jahre im Jugendtourismus absolut verwöhnt waren: Die Gruppen kamen und Werbung musste kaum gemacht werden. Es wurden Betten in Jugendherbergen und –freizeitstätten gebaut und die Jugendgruppen und Schulklassen kamen in die Häuser und veranstalteten ihre Programme.

Heute hat sich das Bild grundlegend geändert:

Erstens gibt es Konkurrenz vor allen im südlichen Europa aber auch in Mecklenburg-Vorpommern, die mit attraktiven Angeboten Jugendgruppen und Schulklassen vor allem der Sekundarstufe II umwirbt und
zweitens haben sich die Ansprüche an die Unterkunft und die Programme entschieden verändert.
Drittens sind die Kompetenzen der Lehrer in Bezug auf eine selbständige Durchführung einer Klassenfahrt nicht gestiegen. Folge dessen ist, dass die Anbieter von Jugendfreizeitstätten entweder bei der Vermittlung von Bildungs- und Freizeitprogrammen vor Ort helfen müssen oder selbst eigene Programme, zumindest aber Programmbausteine liefern müssen, um ihre Bettenkapazitäten zu vermarkten.

Wie in vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft geht der Trend eindeutig von der Hard- zur Software. Die Betten sind nicht mehr der alleinige Dreh- und Angelpunkt im Jugendtourismus, sondern zunehmend die Programminhalte und der Service. Eines der Hauptprobleme vieler unserer Freizeit- und Bildungsstätten besteht darin, dass im Denken der Betreiber von „Betten und Belegung“ allein gesprochen wird, unsere jugendlichen Gäste aber als Gäste mit mehr als dem Bedürfnis nach Sonne, Land und Meer noch gar nicht wahrgenommen werden.

Hinzu kommt, dass wir im Land in einzelnen Bereichen Preise bei der Unterkunft und Verpflegung erreicht haben, die mit denen in der südeuropäischen Urlaubsregion nicht mehr konkurrieren können.

Was wir deshalb benötigen ist ein vielfältiges Angebot im Preissegment von 6 bis 20 Euro für die Übernachtung, damit wir für jeden Geldbeutel und die unterschiedlichen Bedürfnisse unserer Gäste etwas bieten können.

Auch die Verweildauer unserer Gäste hat sich entscheidend verändert: Gäste von Jugendfreizeit- und Bildungsstätten kommen nicht mehr 14 Tage oder drei Wochen. Im Durchschnitt bleiben sie in der Regel weniger als drei Tage, selbst bei Ferienfahrten gibt es mehr „Ein-Wochen-Programme“ als 14-Tage-dauernde.

Der Markt ist flexibler geworden und auch im Jugendferienland Schleswig-Holstein haben wir nur die Chance mit qualitativ guter Hard- und Software, guten Betten und einem attraktiven Programm neue Gäste zu gewinnen und alte zu halten.

Dass der Landesjugendring der erste Veranstalter des Jugendtourismustages in Schleswig-Holstein ist, mag viele Besucher heute verwundern. Aber wir haben gute Gründe, initiativ zu werden. Wir sind seit Beginn unserer Arbeit 1949 im Bereich des Betriebs und in der Durchführung von Freizeit- und Bildungsaktivitäten für junge Menschen aktiv.

Wir sind seit über 40 Jahren zusammen mit den Sparkassen der Herausgeber des Freizeitstättenverzeichnisses Schleswig-Holstein in einer Auflage von 30.000 Exemplaren; bereits seit 6 Jahren ist das Verzeichnis auch im Internet zu finden.

Auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin haben wir festgestellt, dass nur die neuen Bundesländer den Jugendtourismus eigenständig bewerben. In den westlichen Bundesländern ist das nicht der Fall. Das muss sich ändern, zumindest für Schleswig-Holstein. In einem ersten Gespräch mit Armin Dellnitz von der Tourismusagentur Schleswig-Holstein (TASH) ist uns zumindest in Aussicht gestellt worden, eine Broschüre zu Gruppenreisen mit entsprechender Internetpräsenz für Schleswig-Holstein ins TASH-Programm mitaufzunehmen.

Weitere Aktivitäten bei uns und auch bei der TASH müssen aus unserer Sicht unbedingt folgen.

Letzte Woche haben wir gemeinsam mit der Sportjugend ein neues Projekt gestartet: die Ferienbörse Schleswig-Holstein, mit der wir die Jugendferien-Angebote der schleswig-holsteinischen Jugendverbände gegenüber den Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern bekannter machen wollen. Gleichzeitig wird dieses Projekt auch den Vereinen und Verbänden die Möglichkeit bieten, ihre Reisen, Fahrten und Seminare besser vermarkten zu können.

Sie sehen, meine Damen und Herren, wir wollen alles tun, den Jugendferienbereich und den Jugendtourismus im Land zu fördern und konkurrenzfähig zu halten. Von der Politik erwarten wir, dass das Potential, das in diesem Bereich steckt, entdeckt und beachtet wird. Natürlich fehlt uns immer noch eine wissenschaftlich fundierte Marktanalyse, aber der Jugendtourismus macht in Deutschland mindestens 13 % aller Übernachtungen aus und wenn wir die rund 1 Mrd. €, die im Jugendtourismus in Deutschland umgesetzt werden, auf Schleswig-Holstein herunter brechen, dann dürfte der Umsatz im Land bei etwa 130 Mio. € jährlich liegen. Davon werden mindestens 50 % für Personalkosten ausgegeben, und damit sind Jugendbildungsstätten auch wichtige Arbeitgeber im Land, vor allem im ländlichen Raum. Von daher können wir es nur begrüßen, dass die Landesregierung mit dem Kinder- und Jugendaktionsplan 2006-2010 zusätzlich 2 Mio. € in den Jugendtourismus investiert.

Jetzt hoffen wir, dass die Bedeutung unserer Arbeit auch Eingang in das neue Tourismuskonzept des Landes findet, damit wir die notwendigen Anpassungsprozesse und Modernisierungen im Jugendtourismus schneller bewältigen können. Schleswig-Holstein kann es sich nicht leisten, in einem neuen Tourismuskonzept den Jugendtourismus wider besseren Wissens auszublenden. Ich kann nur hoffen, daß die Unternehmensberatung Roland Berger, die das Konzept erstellt, sich dessen bewußt ist und den Jugendtourismus im neuen Konzept angemessen berücksichtigt.

Im Interesse der Kinder und Jugendlichen und der Menschen, die durch einen besseren Tourismus und mehr Bildung in Jugendfreizeit- und -bildungsstätten neue Arbeit finden und dann wieder mehr von Ferien, Urlaub, fernen Ländern und schönen Erlebnissen bei uns träumen können: im Watt, am Strand zu Land und Meer mit Sonne und Wind…..

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.


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